Das Sommerbuch, von Tove Jansson


Sommerbuch von Tove Jansson
Meine Bewertung: 5 von 5 Sternen
Schon vor Jahren gemocht, aber jetzt mit "älteren Augen" nochmals gelesen und jetzt verdienen das Buch und ich auch eine "ordentliche" Rezension. ;-)
Tove Janssons "Sommerbuch" ist für mich ein leises, präzises Buch über Nähe, Autonomie und die seltsame Zärtlichkeit, die im Streit steckt. Die Handlung ist eher ein Sommerzustand als eine lineare Story: Sophia und ihre Grossmutter leben auf einer winzigen Insel, und das Buch beobachtet sie beim Umherstreifen, Trotzen, Fragenstellen, Schweigen, Lachen. Gerade diese Episodenhaftigkeit fühlt sich nicht beliebig an, sondern wie eine Form, die dem Gegenstand entspricht: Familie als Wetterlage.
»Faulbaum und besonders Ebereschen riechen, wenn sie blühen, wie Katzenpipi.«
Solche Sätze sind für mich typisch Jansson: sinnlich, unerwartet, komisch, und zugleich poetisch genau. Das ist keine “schöne” Natur, sondern eine, die wirklich riecht, nervt, klebt, glitzert - und dadurch umso glaubwürdiger wird. Ich hatte beim Lesen mehrfach das Gefühl: Das ist ein Mumin-Buch für Erwachsene, aber ohne die fantastische Verklärung; eher die klare Luft dahinter. Das Kindliche (Neugier, Trotz, Spiel) bleibt, doch es steht neben etwas Hartem: Endlichkeit, Einsamkeit, die Unmöglichkeit, jemanden vollständig zu besitzen oder zu erklären.
Besonders stark fand ich, wie das Buch die Grossmutter zeichnet: nicht als sanfte Weisheitsfigur, sondern als eigene Person mit Ecken, Müdigkeiten und einem sehr speziellen Sinn für Würde. Sie ist liebevoll, aber nicht “nett”; sie kann abweisend sein, und gerade dadurch entsteht eine Ethik der Beziehung, die ich selten so unpathetisch beschrieben gesehen habe. Sophia darf dagegenhalten. Das Buch nimmt das Kind ernst, ohne es zu idealisieren.
»Die Großmutter dachte nach und antwortete, was unerklärlich sei, versuche man nicht zu erklären.«
In diesem Moment bündelt sich für mich ein Leitmotiv: die Grenze zwischen dem, was man rational ordnen kann, und dem, was man nur aushält. Die Grossmutter wirkt dabei zunächst altmodisch, aber zeitlos - nicht, weil sie “recht” hätte, sondern weil sie eine praktische Lebensklugheit hat: Manche Dinge werden durch Erklärungen nicht kleiner. Gleichzeitig spielt Jansson sehr fein mit Ambivalenzen, etwa wenn das Gespräch über Aberglauben kippt: Die Grossmutter distanziert sich scheinbar, erzählt dann aber eine Geschichte, in der Trost, Ritual und heimliche Fürsorge wichtiger sind als saubere Begriffe. Das wirkt nicht widersprüchlich, sondern menschlich: Wir sind selten konsequent, wenn es um Angst, Krankheit oder Melancholie geht.
»Sie war abergläubisch«, antwortete Sophias Großmutter.«
Diese Mischung aus Trockenheit und Zuneigung macht den Ton aus. Jansson schreibt so, dass jede Beobachtung gleichzeitig Zärtlichkeit und Zumutung sein kann. Und genau deshalb funktioniert auch der Humor: nicht als Pointe, sondern als Überlebensmittel. Der Sommer wird hier nicht zur Ferienpostkarte, sondern zu einem Raum, in dem Bindung neu verhandelt wird - zwischen Kind und Grossmutter, aber auch zwischen Mensch und Natur, Mensch und Zeit.
Am Ende blieb bei mir weniger “Handlung” als ein Gefühl zurück: eine stille Helligkeit, die nicht naiv ist. "Sommerbuch" ist ein kleines Buch mit grossem Nachhall - wie ein Blick in klares Wasser, bei dem man plötzlich Tiefe sieht.
Natürlich: Fünf von fünf Sternen.
Ceterum censeo Putin esse delendam
https://turing.mailstation.de/de/das-sommerbuch-von-tove-jansson/?fsp_sid=2023
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