Broder, von Dörte Hansen



Buchcover von Broder von Dörte Hansen


Broder von Dörte Hansen

Meine Bewertung: Vier von fünf Sternen


Schon mit den ersten Seiten fühlte ich mich in „Broder“ zuhause. Dörte Hansen nimmt einen überschaubaren Ort und macht daraus einen Mikrokosmos, in dem Familie, Arbeit, Tiere und Veränderung ineinandergreifen. Der Hof folgt einem alten Gesetz: Der Sohn, der bleibt, zählt; die anderen sollen sich einfügen oder verschwinden. Hansen erzählt von dieser Härte ohne Pathos und verklärt die Vergangenheit nicht.

Broder Bahnsen wollte Bauer werden, doch der Hof ging an seinen Zwillingsbruder Henning. Er wurde Tierarzt, hielt Abstand und kehrte nach Jahren in die Nähe der Familie zurück. Nun steht er zwischen seinem Gespür für Tiere, alter Kränkung und neuer Verantwortung. Mit James Herriot verbindet ihn höchstens der Tierarztberuf; Hansen verortet ihn in einer viel späteren, technisierten Landwirtschaft.

Der Hof ist dabei mehr als Kulisse: Seine auf maximale Milchleistung ausgerichtete Herde macht den Wachstumsglauben greifbar. Hansen bindet die Frage nach dem Umgang mit den Tieren an den alten Konflikt um Erbe, Anerkennung und Zugehörigkeit. Das Politische bleibt so in den täglichen Beziehungen verankert, statt als These über dem Roman zu schweben. Der technische Fortschritt rüttelt an den Familienbindungen: Wer gehört dazu, wer entscheidet und wem nützt der Betrieb?

»Er brüllte erst, als er im Auto saß.«

In diesem Satz steckt viel von Hansens Blick auf ihre Figuren. Sie macht Gefühle sichtbar, ohne sie auszuerklären oder ihre Menschen vorzuführen. Auch Broder ist weder Held noch heimlicher Sieger. Sein Wunsch, den Platz seines Bruders einzunehmen, wird nicht einfach als Gerechtigkeit verbucht. Hansen lässt offen, ob in seiner Sorge auch verletzter Stolz steckt. Das gibt der Familiengeschichte eine moralische Unruhe, die ich sehr mag.

»Großtierarzt und fertig mit der Welt.«

Die Sprache ist wieder das, weswegen ich Hansen lese. Mit wenigen Worten lässt sie eine Biografie, eine Beziehung oder einen inneren Widerspruch aufscheinen. Ihre Sätze sind klar, unaufgeregt und lebensnah, aber nie schmucklos. Darunter liegt große Genauigkeit für das, was Menschen einander antun, schuldig bleiben und woran sie sich trotzdem festhalten. Eine knappe Beobachtung kann zugleich komisch und traurig sein. Hansen deckt etwas auf, ohne ihre Figuren bloßzustellen.

»Ablage im Archiv der Kränkungen, Buchstabe M.«

Das ist für mich ein kleines Beispiel ihrer Kunst: präzise, trocken, warmherzig und mit einem genau gesetzten Stich. Auch beiläufige Szenen über Tiere und alltägliche Verrichtungen verleihen der Welt ihre Dichte. Der Roman zeigt nicht nur, wie sich ein Hof verändert. Mit ihm gerät ein Geflecht aus Gewohnheiten, Erwartungen und familiären Verletzungen ins Rutschen.

Ganz ohne Vorbehalt bin ich trotzdem nicht. Für ein so kurzes Buch treten mir zu viele Personen auf. Einige bleiben eher Stimme oder Umriss, während die Erzählung schon zur nächsten Lebensgeschichte wechselt. Die Episoden spielen vor dem Hintergrund jahrelanger Entwicklungen, ergeben für mich aber keine durchgehend tragende Geschichte. Ich hätte lieber weniger Figuren und einen klareren Handlungsfaden gehabt. Die Beobachtungen sind fein, doch manchmal wünschte ich mir, Hansen bliebe länger bei einer Person und verfolgte ihre Entwicklung weiter.

»ihre Katzen Schatzi nennen«

An dieser Stelle musste ich grinsen, denn ich nenne meine Katze auch schon mal „Katzischatzi“. Der kleine Seitenhieb passt zu Broders Abstand zur Welt der Stubentiger, ohne zum bloßen Witz zu werden. Solche Einzelheiten machen die Figuren lebendig und geben kurzen Begegnungen einen eigenen Ton. Für mich ist das eine Stärke des Buchs: Es beobachtet genau und traut dem Alltäglichen etwas zu.

Im Genre des regionalen Gesellschaftsromans steht „Broder“ in einer Linie mit Hansens eigenen Büchern über kleine Welten im Wandel. Es betrachtet eine Gemeinschaft nicht als Postkartenidylle, sondern als sozialen Raum voller Erinnerung, Reibung und Veränderung. Zugleich zeigt der Vergleich, was hier weniger gut gelingt: Altes Land (Rezension) gibt seinem Ensemble eine fast epische Bewegung; Mittagsstunde (Rezension) bindet mehrere Lebensalter an den Wandel eines Dorfes; Zur See (Rezension) lässt Insel und Bewohner_innen in einer sprachlich dichten, unverklärten Form zusammenfinden. „Broder“ verengt den Blick auf Hof und Familie. Das schafft große Nähe, aber die Episoden ergeben keinen ebenso starken Hauptbogen. Es bleibt für mich hinter der Geschlossenheit dieser Vorgänger zurück, ohne seine sprachliche Souveränität zu verlieren.

Das ändert nichts daran, wie sehr ich mich in diesem Buch zuhause gefühlt habe. Hansen macht aus einem Hof keine heile Welt und aus dem Wandel kein schlichtes Fortschrittsmärchen. Sie schreibt von Menschen, Tieren und Arbeit mit einer Nähe, die weder romantisiert noch auf Distanz geht. „Broder“ ist kein Jahrhundertroman. Es ist aber unverkennbar Dörte Hansen: klug beobachtet, sprachlich großartig und voller vertrauter, moderner Wirklichkeit.

Vier von fünf Sternen.

Ceterum censeo Putin esse delendam




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